Tour durch den Nationalpark Écrins

Im Juli 2018 habe ich eine viertägige Zelttour durch den Nationalpark Écrins in den französischen Dauphiné-Alpen gemacht. Die wilde, hochalpine Landschaft mit Gletschern, Wasserfällen und Bergseen sorgte für ein fantastisches Erlebnis.

Roch de la Muzelle
Roche de la Muzelle mit Gletscher und Wasserfall © gipfelwelt.net

Der Nationalpark Écrins in der Nähe von Grenoble ist bei Nichtfranzosen erstaunlicherweise wohl noch so eine Art Geheimtipp. Dabei hat er wirklich alles zu bieten, was das Outdoorherz begehrt.

Über dem Zentralmassiv thront die Barre des Écrins, der südlichste Viertausender der Alpen, der mit den umliegenden knapp 4.000 Meter hohen Bergen für entsprechend hochalpine Flora und Fauna sorgt. Eine ausgedehnte Gletscherwelt (inkl. Ganzjahresskigebiet), zahlreiche Wasserfälle und Bergseen ziehen einen schnell in ihren Bann.

Das Wandergebiet zieht sich durch den gesamten Park, allerdings mit einem sehr übersichtlichen Wegenetz. Das bietet viele Möglichkeiten, sich auszutoben. Ein paar Hotspots wie der Glacier Blanc sind etwas trubeliger, aber abseits davon kann man die Einsamkeit der Natur genießen. Der gut markierte etwa zweiwöchige Rundweg durch den gesamten Park, die Grande Route 54 (GR 54), ist beispielsweise nur stellenweise stark frequentiert. Besonders auf den Varianten neben der Hauptroute waren wir völlig für uns allein. Die Hauptroute des GR 54 wird im Rother Wanderführer “Hüttentrekking Westalpen” beschrieben, er verschweigt jedoch die Möglichkeit des Wildcampens.

Denn das fand ich eigentlich das Beste: Im Nationalpark Écrins ist Wildcampen erlaubt! Das gibt es fast nirgends in den Alpen und bietet das größtmögliche Freiheits- und Wildnisgefühl. Man darf sein Zelt überall im Nationalpark, mindestens eine Stunde von der Parkgrenze entfernt, für eine Nacht aufstellen. Wer es komfortabler mag, findet eine ausreichende Struktur an bewirtschafteten Berghütten (refuges) und einfachen Unterkünften (gites).

Wir haben uns für einen Mix aus Zelt- und Festunterkunft entschieden. Für die knappe uns zur Verfügung stehende Woche stellten wir einen Rundweg zusammen, der ausgehend vom Dorf Vénosc im Nordwesten des Nationalpark Écrins auf Haupt- und Nebenrouten des GR 54  wieder dorthin zurück führte. Unseren Mietwagen stellten wir auf einem kostenlosen öffentlichen Parkplatz in Vénosc ab.

Die Tour würde ich weitestgehend als mittelschwer einteilen, mit einigen ausgesetzten Stellen und leichter Kletterei. Der Abstieg zum Lac de Plan Vianney (Tag 3) verlangt einem allerdings Ganzkörpereinsatz (Hände) und höchste Konzentration ab, sodass aufgrund dieser Passage die Tour von mir den Schwierigkeitsgrad “hoch” bekommt.

Tag 1:  Vénosc – Lac de la Muzelle (3,5 h)

Die Tour begann mit einem steilen und langen Anstieg durch Wald, an dessen Ende uns ein großer Wasserfall mit kühler Luft belohnte.

Weiter ging es über grüne Auen, an weiteren Wasserfällen vorbei, nicht mehr ganz so steil bis zu einem Pass kurz vor dem See.

Schließlich öffnete sich der Blick weit auf die Hochebene des Lac de la Muzelle mit der nach ihm benannten Berghütte. Uns begrüßten zwei herumtollende Jungs (Enkel des Hüttenwarts?), eine Schafherde, Ziegen, zwei Esel und ein Maultier.

Das Refuge de la Muzelle ermöglichte uns, dort ordentlich zu Abend zu essen. Wir schlugen unser Zelt auf der gegenüberliegenden Seite des Sees am wunderschönen Ufer auf mit Blick auf den Roche de la Muzelle und seinen Gletscher.  Hier bereiteten auch schon einige andere Camper ihr Nachtlager vor. Nach ausgiebiger Flaschendusche ließen wir den Tag mit toller Abenstimmung am Seeufer ausklingen.

Tag 2: Lac de la Muzelle – Valsenestre (4 h)

Während des Frühstücks überraschte uns heftiger Regenschauer. Gerade noch rechtzeitig konnten wir das Zelt abbauen, wir selbst aber wurden ordentlich nass und suchten erst mal Obdach im Refuge de la Muzelle, bis wir wieder halbwegs trocken und die Regenwolken abgezogen waren.

Col de la Muzelle
Blick vom Col de la Muzelle auf den gleichnammigen See © gipfelwelt.net

Erst gegen 11 Uhr konnten wir dann aufbrechen. Die Tour begann mit dem gut einstündigen steilen Aufstieg über das Hochtal des Lac de la Muzelle bis zum Pass de la Muzelle (2625 m), dem höchsten Punkt dieser Wanderung. Dabei waren einige Restschneefelder zu queren.

Noch viel steiler ging es auf der anderen Seite hinab durch Schiefergeröll.

Dann wieder liebliche Auenlandschaft und später Waldweg führten uns ins idyllische, winzige Dorf Valsenestre am Rande des Nationalpark Écrins. Hier übernachteten wir mit Halbpension im Mehrbettzimmer in der gemütlichen und extrem sauberen gîte d’étape du Béranger. Der Andrang hier schon kaum mehr vergleichbar mit dem Refuge de la Muzelle, mit uns waren noch sechs andere Wanderer da. Schon tagsüber waren wir fast für uns gewesen.

Tag 3: Valsenestre – Lac de Plan Vianney (9 h)

Frühzeitig konnten wir bei fantastischem Wetter den längsten und schwersten Abschnitt der Tour antreten. Heute trafen wir keinen einzigen Wanderer an und hatten die herrliche Natur ganz für uns.

Über Auen, vorbei an Schafherden kamen wir nach 3,5 Stunden beim unberührten Fleckchen Erde des Lac Labarre unterhalb des Col de la Romeiu (2439 m) an.

Wer diesen Abschnitt auf zwei Tage aufteilen möchte, findet hier ein wahrlich paradiesisches Nachtlager!

Wir hingegen gingen weiter. Über einen Grat folgte ein langer, aber nicht sehr anstrengender Abstieg durch duftende Bergwiesen bis zum Fuß des Rochail.

Nun ging es lang und wieder recht steil, aber dank großer Serpentinen bewältigbar hoch hinauf, das letzte Stück über einen befestigten Pfad zur Querung eines langen Schotterfeldes.

Schließlich erreichten wir den zweiten Pass des Tages, die Breche du Perrier (2491 m), die sofort den Blick weit über das Nachbartal und den Lac de Plan Vianney, das heutige Ziel, freigab. Lediglich eine Stromleitung mit riesigen Masten trübte das Naturerlebnis ein klein wenig.

Der folgende kurze, aber extrem steile Abstieg war der schwerste Abschnitt der ganzen Tour, der den Einsatz der Hände erforderlich machte. Zum Glück wiesen türkise Markierungen die beste Route durch den weglosen Steilhang.

Lac de Plan Vianney
Nachtlager am Lac de Plan Vianney, in dem zu Eis gewordene Schneereste treiben © gipfelwelt.net

Nun ging es wieder über Auen auf den See zu, den zahlreiche Restschneefelder säumten. Sie kalbten große Eisblöcke ins Wasser, die vor sich hin und krachend gegeneinander trieben – ein herrliches Naturschauspiel. Meine Wanderbegleitung hat sich sogar ins eisige Wasser getraut – brrr!

Am windumtosten Seeende hatten Wanderer zwei Steinkreise errichtet, um etwas geschütztes Campen zu ermöglichen. In einem davon schlugen auch wir unser Nachtlager auf und ließen nach Flaschendusche und mitgebrachtem Abendessen erschöpft, aber erfüllt und zufrieden den Tag ausklingen.

Tag 4: Lac de Plan Vianney – Vénosc (5 h)

Die kräftige Sonne weckte uns am Morgen nach einer kalten, verregneten Nacht. Nach ausgiebigem Frühstück ging es los über grüne Auen und blühende Alpenwiesen immer das Tal zum Lac Lauvitel hinab.

Lac de Lauvitel
Abstieg zum Lac de Lauvitel © gipfelwelt.net

Am Lac de Lauvitel mit seinem schönen, nur nach langem Fußmarsch erreichbaren und trotzdem gut besuchten Strand hatte uns die Zivilisation wieder.

Der letzte Abschnitt der Wanderung durch den Nationalpark Écrins führte durch kühlen Wald erst recht steil hinab neben einem Bach mit großem Wasserfall, dann gemütlich leicht hinauf neben dem Fluss Vénéon zurück nach Vénosc.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.