Durchquerung der östlichen Seealpen

Col della Boaria
Stillleben am Col della Boaria mit Ruine und Grenzstraße. © gipfelwelt.net

Diesen Sommer war ich zum ersten Mal in den Seestalpen wandern. Sechs Tage folgten wir der französisch-italienischen Grenzlinie hoch über dem Roya-Tal.

Zu dieser Hüttentour-Wanderung inspiriert hat mich eine Tour aus dem Rother Band Hüttentrekking Westalpen “Vom Tendepass zum Mittelmeer”. Bis ganz ans Meer zu laufen an der dicht besiedelten und befahrenen Côte d’Azur schien mir nicht lohnend. Daher plante ich die Tour von Limone Piemonte bis Breil-sur-Roya ca. 20 km vor der Küste. Beide Orte liegen an der Bahnlinie von/nach Nizza und sind daher bequem zu erreichen.

Als Wanderkarten verwendete ich

  • die IGC 8 Alpi Marittime e Liguri
  • und die IGC 14 San Remo Imperia Monte Carlo,

die das gesamte bewanderte Gebiet gut abdecken.

Sechs Tage der französisch-italienischen Grenzlinie hoch über dem Roya-Tal folgend, ging es auf dem Gebirgskamm, an dem sich die Seealpen und die ligurischen Alpen treffen, dem Mittelmeer entgegen. Dies ist kein bestehender Weitwanderweg. Ein Stück weit folgt man der Alta Via dei Monti Liguri (AVML). Ansonsten muss man sich die mal besser, mal schlechter markierten Wege zusammensuchen. Sie wurden größtenteils vom Militär angelegt und genutzt, bis man sie in Wanderwege umgemünzt hat. Gelegentlich lassen sich Militärforts und -anlagen, oder was davon übrig ist, bestaunen. Direkt auf der Grenzlinie verläuft die Ligurische Grenzkammstraße, eine Schotterpiste, die auf der Wanderung immer mal wieder tangiert wird. Auf ihr sind gelegentlich Geländewagen, Enduros, Mountainbiker oder auch mal Kuhherden unterwegs. Wanderer haben wir trotz Hauptsaison unterwegs so gut wie keine angetroffen.

Das Hüttennetz in dieser Region ist so mittelgut. Manche ehemalige Berghütten wurden aufgegeben und verfallen. Immerhin zwei tolle bewirtschaftete Alpenvereinshütten (Don Barbera, F. Allavena) sind gute Stützpunkte auf dieser Tour. Die San Remo-Hütte fungiert als Selbstversorger-Zwischenstopp, das Wasser dort hat keine Trinkwasserqualität und muss aufbereitet werden. Das Albergo Gola di Gouta wird privat bewirtschaftet, ist damit etwas teurer und liegt ein Stück abseits der Wanderroute.

Eindrucksvoll zu erleben fand ich: Das zunächst hochalpine Landschaftsbild in der Gegend um Limone, das auch ein Wintersportort ist, wandelt sich im Laufe der Wanderung immer mehr ins Mediterrane. Genauso wie die Gerüche und das Klima. Bei gutem Wetter kann man am Horizont gelegentlich das Meer und die Städte an der Côte d’Azur und der ligurischen Küste sehen.

Und das waren unsere Etappen:

Limone Piemonte – Col della Boaria – Rifugio Don Barbera (7 h)

In Limone galt es zunächst, den Schlüssel für das unbewirtschaftete Rifugio San Remo im Geschäft Bottero Ski auszuleihen.

Am nächsten Tag schenkten wir uns die ersten Höhenmeter, die unschön auf der Landstraße zu bewältigen wären, und nahmen stattdessen die Gondelbahn.

Den Abzweig ins Valletta-Tal verpassten wir zunächst mangels Ausschilderung und drehten eine Extraschleife. Nach ein paar Ruinen begann der steile Aufstieg zum Col della Boaria (2102 m) durch die drückende Mittagshitze. Er kostete Zeit und Kraft, belohnte aber mit dem weiter werdenden Blick tief ins Valletta-Tal hinein. Nach dem Pass oberhalb des Grenzwegs eher gemütlich, aber in noch größerer Hitze, auf dem Gebirgskamm zum relativ neuen Rifugio.

Rifugio Don Barbera – Punta Marguareis – Rifugio Don Barbera (4 h)

Der heutige Tag war ganz der Punta Marguareis gewidmet, mit 2.651 m der höchste Berg der ligurischen Alpen. Die Besteigung gestaltete sich im Wesentlichen unkompliziert. Da wir unser Gepäck auf der Hütte lassen konnten, ging es nochmal viel besser.

Rifugio Don Barbera – Monte Saccarello – Rifugio San Remo (6 h)

Weiter ging es auf dem Gebirgskamm mit ständig wechselnden herrlichen Weitblicken in verschiedene Täler der Ligurischen Alpen auf der einen und der Seealpen auf der anderen Seite bis hinunter ans Mittelmeer, das allerdings unter einer Dunstglocke lag. Zwischendurch schoss ein Steinbock dicht an uns vorbei einen Steilhang hinauf. Mittags gelangten wir zur riesigen Christusstatue auf dem Monte Saccarello (2.201 m). Hier werden im Sommer Bergpredigten abgehalten.

Weiter ging es auf einer Schotterstraße bis zum unbewirtschafteten Rifugio, das noch dazu kein Wasser in trinkbarer Qualität hatte. Leider machte es auch einen recht verwahrlosten Eindruck. Aber nun gut, wenigstens ein Dach über dem Kopf. Das Wasser kochten wir mit dem vorhandenen Gasherd ab und bereiteten unser gefriergetrocknetes Essen zu. Nach einer Flaschendusche genossen wir die tolle Aussicht vor dem Rifugio und die Einsamkeit der Berge – bis in der Dämmerung noch eine Wandererfamilie eintraf. Mit der konnten wir dann zumindest unsere Freude teilen über eine Herde Berggämse, die unweit der Hütte äste.

Rifugio San Remo – Rifugio F. Allavena (5 h)

Beim Monte Saccarello ging es heute steil hinab in den Wald hinein. Später über herrlich duftende und blühende Almwiesen an vielen Ruinen vorbei bis in dicht bewaldetes Gebirge, aus dem in strahlendem Grün der Tenarda-Stausee in der Nähe unserer heutigen Unterkunft hervorstach.

Rifugio F. Allavena – Albergo Gola di Gouta (6 h)

Gebirgskamm am Monte Toraggio
Dampfender Gebirgskamm am Monte Toraggio. © gipfelwelt.net

Heute ging es in der ersten Hälfte der Wanderung viel über Felssteige durch die Westflanken von Monte Pietravecchia und Monte Toraggio. Zum vermutlich spektakuläreren Teil auf dem Sentiero degli Alpini (Ostflanken) verpassten wir den Abzweig und stießen dann zwischen den Gipfeln bei der Gola dell’Incisa auf ihn. Der zweite Teil war wegen Erdrutsch gesperrt. Meine Wanderbegleitung war nicht so traurig darüber, dass wir die Westflanken begingen, als wir in die Ehrfurcht erregenden Steilwände auf der Ostseite blickten – ich schon ein bisschen. Doch auch die Westseite ist äußerst beeindruckend.

Der zweite Teil eher belanglos, zu einem großen Teil durch Wald auf Fahrwegen, bis zu einer kleinen Siedlung, in der sich die heutige Unterkunft befindet.

Albergo Gola di Gouta – Breil-Sur-Roya (6 h)

Den steilen Abstiegspfad durch dichten Wald hinab ins hübsche Bergstädtchen Breil verpassten wir zunächst, beim zweiten Anlauf entdeckten wir die gelbe Markierung. Spannend war der Abstieg nicht besonders, und das Klima heute sehr drückend. Aber die Blicke weit in die Seealpen hinein, das Royatal rauf und runter – wenn der Wald es zuließ – bis hin zum Anfangspunkt der Wanderung auf der einen und dem Mittelmeer auf der anderen Seite belohnten ein wenig. Geschafft! Ein erholsames Bad in der eiskalten Roya an einer Badestelle direkt beim gepflegten Campingplatz war der würdige Abschluss unserer Tour.

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