Zelttour im Nationalpark Posets-Maladeta

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Nachtlager am oberen Villamuerta-See
Nachtlager am oberen Villamuerta-See mit Blick auf die 3.000er-Kette © gipfelwelt.net

Der Nationalpark Posets-Maladeta in den spanischen Pyrenäen beheimatet etliche 3.000er. Im Juli 2019 habe ich ihn mit Zelt unsicher gemacht – und er mich.

Der Nationalpark umfasst das Zentralmassiv der Pyrenäen in Aragonien/Aragon direkt an der Grenze zu Frankreich. Hier befinden sich zahlreiche 3.000er, darunter der mit 3.404 m höchste Berg der Pyrenäen, der Pico de Aneto. Das Städtchen Benasque dürfte das Einfallstor der Bergwütigen in den Park darstellen.

Meine Tour führte mich mit dem Ultraleicht-Zelt am Anetomassiv vorbei und wieder zurück. Geplant hatte ich eine Umrundung des Massivs, es kam aber anders.

Ich folgte dem GR 11.5, einer Variante des Fernwanderwegs GR 11, der die Pyrenäen auf der spanischen Seite komplett durchzieht. Der 11.5 hat einige weglose und ausgesetzte Passagen, die ihn nach meiner Einschätzung zu einem Weg mit hohem Schwierigkeitsgrad machen.

Spannend fand ich als Zeltfan am Posets-Maladeta besonders, dass Wildcampen zu alpinen Zwecken erlaubt ist, mit einigen Einschränkungen: nur zwischen 20h und 8h, nur über 2.000 m und nicht in Nähe der Berghütten. Von denen gibt es einige und wer möchte, kann dort übernachten und verpflegt werden.

Sehr bergsteigerfreundlich ist das Klima in den spanischen Pyrenäen. Im Juli bleibt es bis gegen 21h hell, die Sonne hat hier eine große Kraft und es kühlt nachts nicht so extrem aus wie in den Alpen. Allerdings geht das mit einer entsprechend intensiven UV-Strahlung einher. Leider gab es ein bisschen Sonnenbrand an Armen und Nacken, trotz sehr guten Sonnenöls. Mach es besser als ich – verwende Sonnenschutzfaktor 50+!

Tag 1: Senarta – Villamuerta (3,5 h)

Ich entschied mich, vom öffentlichen Parkplatz am Campingplatz Senarta aus ins Gebirge einzusteigen. Er liegt an der Verbindungsstelle GR 11 – GR 11.5. Planmäßig wäre ich hier einige Tage später wieder nach einer Rundtour herausgekommen.

Am späten Nachmittag legte ich los das Benasque-Tal hoch parallel zur Talstraße, aber mit genügend Abstand, um schon recht eindrücklich wandern zu können. Wald, Wasserfälle, kurze Felspassagen, allerdings auch immer wieder Zivilisation. Das schönste Stück nach dem Hotel “Hospital de Benasque” über Auen bis zum Parkplatz/Busstation La Besurta.

Blick zurück im Abendlicht auf die erste Etappe durchs Benasque-Tal © gipfelwelt.net

Von hier kurzer Aufstieg zu den zwei Villamuerta-Seen. Der obere ist fast weglos nach einem letzten steilen Aufstieg zu erreichen. Er liegt über 2.000 m, sodass Wildcamping hier erlaubt sein sollte. Von hier offenbart sich der freie Blick auf die 3.000er-Kette des Pico de Aneto und seiner Nachbarn.

Die warme Abendsonne erleichterte die kalte Flaschendusche und es gab Abendessen mit meiner Outdoorküche.

Tag 2: Villamuerta – Anetomassiv – Cap de la Vall (9h)

Dieser Tag im Nationalpark Posets-Maladeta würde es in sich haben! Das ahnte ich aber noch nicht, als ich gut ausgeruht an meinem idyllischen Plätzchen das Frühstück einnahm.

Gemütlicher Aufstieg zur Renclusa-Hütte, Durchquerung der malerischen und bei Tagestouristen äußerst beliebten Aigualluts-Ebene, dann der Einstieg ins Zentralmassiv.

Mit ein wenig Restschnee ging es nicht allzu anstrengend hinauf zu einem Pass oberhalb des Barrancs-Sees. Dahinter bot sich der weite Blick in den Talkessel unterhalb des rechts davon gelegenen Aneto-Massivs, dem Herzstück im Nationalpark Posets-Maladeta.

Schneebedeckter Talkessel unterhalb des Aneto-Massivs
Schneebedeckter Talkessel unterhalb des Aneto-Massivs © gipfelwelt.net

Hier nun ziemlich viel Restschnee! Beim Aufstieg nach Durchquerung des Tals waren dadurch kaum noch Wegmarkierungen zu sehen. Ich vermisste die Markierungsstangen, die in vielen Hochgebirgsregionen eingesetzt werden und auch bei Schnee gut zu erkennen sind … Da musste ich wohl oder übel auf eigene Faust über den Schnee das Tal queren.

Der Weg durchs Tal geht ausgesetzt über Geröll. Hoch über mir waren zwei Scharten zu sehen. Der Weg führt über den Salenques-Pass, aber natürlich wusste ich nicht, welche der beiden Scharten das ist. Ich wählte die rechte, weil die niedriger schien. Das war jedoch nicht der Fall, sondern ich erwischte die Scharte knapp unterhalb des Gipfels der Forca d’Estasen, wie ich dann oben feststellen musste. Da habe ich unbeabsichtigt knapp die 3.000er-Marke geknackt.

Der versehentlich höchste Punk meiner Tour: Blick zurück von der Scharte unterhalb der Forca d'Estasen
Der versehentlich höchste Punk meiner Tour: Blick zurück von der Scharte unterhalb der Forca d’Estasen © gipfelwelt.net

Mich erwartete ein extrem steiler, wegloser Abstieg nach schräg links, um wieder zum markierten Weg zu gelangen. Nach einer anstrengenden Kletterpartie mit Händen und Popo konnte ich endlich eine Markierung entdecken. Doch auch auf dieser Seite war viel Restschnee, wenngleich auch weniger als auf der Nordseite. Ich konnte nicht so recht erkennen, wie es weiter geht. Runter ins Tal, so viel war natürlich klar.

Nun traf ich eine sehr schlechte Entscheidung. Ich dachte, ich könnte den nächsten Abschnitt über ein Schneefeld überwinden, statt über Fels.

Und dann verliere ich auf dem Schnee die Kontrolle. Ich stürze, schlittere auf dem Rücken den Steilhang hinab. Das Gewicht des Rucksacks sorgt dafür, dass ich mich auch noch drehe und somit Kopf voran ins Tal rase. Die nächsten Sekunden frage ich mich, ob ich gleich tot sein werde. Ich kann nichts tun, um Kontrolle über die Situation zu erlangen.

Ein Geröllhaufen, der den Schnee überragt, rettet mir das Leben. Ich pralle auf einen großen Stein auf. Ich werde ziemlich schmerzhafte Prellungen und Schürfwunden davon tragen – aber ich lebe! Beim Sturz habe ich meine Karte und meine Trinkflasche verloren, und meine Hose ist völlig zerrissen.

Nach einigen Schocksekunden entschließe ich mich, weiter zu gehen. Durch eine erstaunliche Geistesgegenwart gelingt es mir, einen Weg durch das Geröll auszumachen, bei dem ich so gut wie gar nicht mehr auf den Schnee muss. Und dann tauchen endlich auch wieder Markierungen auf.

An den folgenden Abschnitt kann ich mich kaum erinnern, ich habe wohl hauptsächlich meinen Schock verarbeitet.

Kurz unterhalb des Cap de la Vall-Sees fand ich an einem Bach unter einem Schneefeld ein perfektes Übernachtungsplätzchen. Nach dem Abendessen fielen mir um 20h die Augen zu.

Mein zweites Nachtlager unterhalb des Cap de la Vall-Sees
Mein zweites Nachtlager unterhalb des Cap de la Vall-Sees © gipfelwelt.net

Tag 3: Cap de la Vall – Senarta (11h)

Einigermaßen ausgeruht, aber mit ziemlichen Schmerzen vom gestrigen Sturz, brach ich frühmorgens zu meinem dritten Tag im Nationalpark Posets-Maladeta auf. Am Cap de la Vall-See dann Blackout. Ich war einfach zu blöd, in der zwar schneefreien, aber komplett ausgesetzten Region die weiteren Markierungen zu finden. Da ich meine Karte verloren hatte, konnte ich nicht mal gucken: Muss ich rechts oder links am See lang? Buchstäblich handlungsunfähig.

Bis hierhin und nicht weiter: Ich checke nicht, dass ich links am Cap de la Vall-See vorbei müsste.
Bis hierhin und nicht weiter: Ich checke nicht, dass ich links am Cap de la Vall-See vorbei müsste. © gipfelwelt.net

Was machst du, wenn du so einen Blackout hast? Ich entschied mich, umzukehren. Ohne Trinkflasche, ohne Karte, mit Blessuren, in einer unbekannten Gegend – zu viel. Zwar käme die nächste Berghütte in etwa zwei Stunden, aber wenn ich den Weg an diesem gottverdammten See vorbei nicht finde, nützt mir das auch nichts (man muss übrigens links neben dem See entlang zum Pass hinauf, eine unter normalen Umständen völlig unkomplizierte Geschichte) …

Also auf gleichem Weg durch den Nationalpark Posets-Maladeta zurück. Der war länger als die eigentliche Tagesetappe, fiel mir den Umständen entsprechend aber leicht. Diesmal nahm ich da auch den Salenques-Pass ins Zentralmassiv und betrachtete mit Erschauern meine Rutschspuren von gestern im Schnee kurz vor dem Pass.

Auf der anderen Seite konnte ich einigen entgegenkommenden Bergsteigern helfen, die wie ich tags zuvor in Anbetracht der Schneemassen etwas orientierungslos waren, und sie den Salenques-Pass hinauflotsen.

Zügiger Durchmarsch ohne besondere Vorkommnisse. Unterbrochen von einer kurzen Rast mit Abendessen auf der Aigualluts-Ebene.

Aigualluts-Ebene
Aigualluts-Ebene © gipfelwelt.net

Das war mit elf Stunden der längste Tagesmarsch, den ich jemals gemacht habe. Mich trieb dabei die Vorfreude auf ein schönes Hotel in Benasque an, damit ich mich ordentlich von meinen Blessuren erholen konnte, die sich im Tagesverlauf immer mehr bemerkbar machten.

Im Nationalpark Posets-Maladeta hätte ich also beinahe mein Leben gelassen. Aber so im Nachgang verblasst dieser Eindruck im Vergleich zu den vielen fantastischen Eindrücken, die ich hier sammeln konnte. Vermutlich, weil ich verrückt bin. Bergverrückt.

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